Rheinfall von Schaffhausen

Eine Reisebeschreibung des Grafen zu Stolberg

SchaffhausenNahe bei Schaffhausen ist der Rhein sehr reissend und rauscht über Felsen. In frühern Zeiten schon standen hier Häuser, in welche Waren gelegt wurden, die von den höheren Gegenden, Bünden, Lindau, Constanz u.s.w. mit dem Strom gekommen waren und wegen des nahen Rheinfalles hier ausgeladen wurden. Diese Häuser gaben nachher der Stadt ihren Namen. Denn in schweizerischer, schwäbischer und östereichischer Mundart bedeutet das Wort schaffen, handeln, kaufen und verkaufen. Am Nachmittag besuchten wir den Rheinfall. Wie könnte ich dir den beschreiben! Er lässt jede Beschreibung weit hinter sich, jede Vorstellung, selbst die Erinnerung. Ich sah ihn zum dritten Mal, aber mit eben dem Staunen, mit welchem ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Er überraschte den Mann, wie er den Jüngling überrascht hatte.

Blick vom Schloss LaufenIch scheine dir etwas zu sagen, und ich sage dir nichts, wenn ich dir erzähle, wie der breite Strom zwischen hohen Felsen, die mit Laubholz bewachsen sind, in einer ungeheuern Schaummasse, durch welche hie und da die grüne Farbe der gewölbten Fluten schimmert, mit betäubendem Getöse und fliegendem Ungestüm tief herunterstürze; wie drei in ungleicher Entfernung mitten aus seinem Wasserfall vorragende, mit immer erschüttertem Gebüsch belaubte Felsen ihm nicht ungestraft, sondern ausgehöhlt und durchlöchert entgegenstarren, seinen Sturz teilend und verherrlichend. Auf dem minder hohen Felsenufer zur rechten Seite des Wasserfalls steht im Schaffhausner Gebiet eine Drahtmühle, gegenüber im Gebiet des Canton Zürich steht das Schloss Laufen auf einem viel höhern Felsen. Blick auf das Schloss am RheinZuerst zeigt man Fremden den Rheinfall von der Seite der Drahtmühle, wo die Erwartung schon sehr überrascht wird. Dann führt man ihn einen schmalen krummen Pfad unter Bergen am gerundeten Becken des Stromes hin, bis er, gerade dem Rheinfall gegenüberstehend, gewahr wird, dass die Katarrhakte, welche er eben anstaunte, nur zwischen dem Ufer und einem Felsen, der mitten aus dem Strom sich emportürmt, gebildet werden und etwa den fünften Teil des Wasserfalls ausmachen.

Blick auf den RheinfallHier sieht er den ganzen Strom zwischen den Felsenufern und drei vereinzelten Klippen gedränget herunter stürzen. In einem schmalen Nachen wird man dann unten, den Katarrhakten vorbei, auf tanzenden Wogen hinübergebracht nach der Zürcher Seite. Hier ist unter dem Schlosse Laufen ein Gerüst bis in den Wasserfall hinein gebaut. Vor einem Thürchen, dessen Schlüssel im Laufner Schloss verwahrt wird, stehst du ein Weilchen und hörst mit Ungeduld den Donner des Stromes, bis das Türchen geöffnet wird und du nun unmittelbar an dem stürzenden Strome stehst.Aussichtspunkt Hier ergreift dich das mächtigste Staunen ; es ist dir, als müsstest du hinunter gewirbelt werden in die Tiefe. Von der Eile, von der Kraft der stürzenden Wogen kannst du dir keinen Begriff machen.

GischtDie mit Eile des Blitzes herunter geschmetterten Fluten spritzen hoch auf. Ein Nebel, dick und weiss, wie der Rauch aus Schmelzhütten, verhüllt die Gegend, weit umher beben und träufeln alle Büsche der felsigen Ufer. Bei Sonnenschein spielen Farben des Regenbogens im Schaum und im aufsteigenden Nebel.

WasserKein Schauspiel der Natur hat mich je so ergriffen. Meiner Sophie wankten die Knie, und sie erblasste. Mein achtjähriger Knabe schaute still und unverwandt nach dem Strome hin, welcher auch dadurch, dass er die andern Gegenstände in Nebel hüllt, der einzige Gegenstand des Auges wird. Grauenvolles, doch seliges Staunen hielt uns wie bezaubert. Es war mir, als fühlte ich unmittelbar das praesens numen. Mit dem Gedanken an die geoffenbarte Macht und Herrlichkeit Gottes wandelte mich die Empfindung seiner Allbarmherzigkeit und Liebe an. Es war mir, als ginge die Herrlichkeit des Herrn vor mir vorüber, als müsste ich hinsinken auf's Angesicht und ausrufen: "Herr, Herr Gott, barmherzig und gnädig!"

übersicht über die GegendWir waren schon ziemlich weit auf dem Rückwege, ehe wir unser Stillschweigen unterbrachen. Und nur als wir uns abgekühlt fühlten von der Empfindung Glut, warfen wir im Geist einen flüchtigen Seitenblick auf den Weltweisen, welcher den Rheinfall sehen und mit kalter Bedächtlichkeit fragen konnte, wozu er nütze. Ein Weltweiser beantwortet so vieles, was ein Weiser nicht beantwortet. Mag er denn auch fragen, wie ein Weiser nicht fragen würde.

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